Lieutenant Commander Amicia Georgiou wandert durch die minimal beleuchtete Krankenstation der U.S.S. Solaris, stets genauestens beobachtet von einem cardassianischen Sicherheitsoffizier, der seine Finger nicht für eine Sekunde von seinem Phaser lässt. "Als ob ihn dieser billige Phaser retten könnte" denkt Amicia sich während sie langsam den Kopf schüttelt und weiter in Gedanken versunken die Krankenstaiton auf und ab wandert.
Schließlich nimmt sie sich ein - stark verschlüsseltes - PADD, das Doktor Vadiye ihr voll von Mitleid zum Studieren dieses Schiffes, vor allem dieses Universums gegeben hat, setzt sich in die am weitesten vom Biobett von Tom Paris entfernteste Ecke, kauert sich dort hin und beginnt leise zu sprechen.
Persönliches Computerlogbuch
Lieutenant Commander Amicia Georgiou
U.S.S Solaris
Es gibt Momente, da wünschte ich, ich wäre - in den Worten meiner Mutter - eine "wahre Terranerin". Es sind nicht viele Momente und meistens nicht von langer Dauer, aber meine Mutter hätte diesen Cardassianer schon aus dem Weg geräumt, sich Verbündete gesucht, mittlerweile wahrscheinlich die Kontrolle über dieses Schiff übernommen.
Stattdessen kauerte ich aufgelöst Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und fast wie gelähmt in dieser schlechten Ausrede für eine Krankenstation, ließ andere über mein Schicksal entscheiden und hoffte, dass irgendjemand mir helfen könnte.
Die Crew der San Diego hatte mir viel beigebracht und ich war dankbar für die Lektionen von Lieutenant Griffin, Jaesa Hawkins, Tom Paris und all den anderen, aber manchmal.. ja, manchmal wünsche ich mir ich hätte nicht so verdammt gut aufgepasst.
Und das Schlimmste? Nicht nur war ich eine Gefangene auf diesem Schiff, die möglichst bald auf eine Sternenbasis verlegt und dann wahrscheinlich niemals mehr als Tageslicht sehen würde. Nein, ich trauerte einer Frau hinterher, die gleichzeitig nur wenige Meter von mir entfernt stand und dennoch nie existiert hat.
Wenn ich gewusst hätte, was Nadine Hawkins mit ihren Worten "Dinge werden nicht so sein wie sie waren" meinte, vielleicht wäre meine Motivation auf diese Mission zu gehen eine andere gewesen.
So sehr ich unter diesem Verlust leide, so wenig habe ich das große Ganze aus den Augen verloren. Ja, wir haben das Multiversum gerettet, aber zu welchem Preis? Wenn die Informationen auf diesem PADD stimmen, ist der Großteil der ehemaligen San Diego bzw. Guardian Crew - Lexa Griffin, Lucy Tamas, Taya Vadiye, Aiden Corlsen und viele weitere - an Bord der Solaris, aber die Föderation ist deutlich isolierter, angreifbarer, von Rassen von Yath oder Uerq hat niemand etwas gehört, all unsere Opfer der letzten Jahren schienen umsonst.
Aber fangen wir am Anfang an. Der große Tag, der wohl wichtigste Tag in der Geschichte des Multiversums begann mit einem unspektakulären Frühstück ehe Lucy und ich sowie der Rest der Führungsoffiziere ihre Stationen einnahmen und Captain Paris nach kurzem Zögern den Befehl gab den Sprungantrieb zu aktivieren.
Admiral Telfon hatte kurz zuvor mitgeteilt, dass der Großteil der "Athena" Flotte vor wenigen Minuten von einer weiteren gravimetrischen Welle zerstört wurde, insgesamt gab es zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch 50, maximal 100 intakte Allianzschiffe.
Etwa 20 Minuten später sollten wir ankommen, sodass ich dem Captain riet, die Zeit für eine kurze Konferenz zu nutzen.
Wie erwartet, wurde es chaotisch und es wurde schnell offensichtlich, dass es keinen konkreten Plan gab. Nadine Hawkins warnte uns vor schwarzen Löchern, Anomalien und anderen "massereichen Objekten" im Zentrum des Universums, die eine Navigation schwer machen würden, aber das war nicht die Hauptsorge. Die Hauptsorge waren die Tausenden von Starborn, die der Gebieter auf seine Seite gezogen hatte. Selbst wenn wir wirklich einige davon überzeugen könnten die Seiten zu wechseln waren wir dennoch hoffnungslos in der Unterzahl.
Wir planten Decks zu evakuieren und von Exokomps patrouillieren zu lassen, die Hüllenpanzerung zu testen, Upgrades der Waffen und viel mehr, aber all das würde keine Rolle spielen. Wir mussten den Gebieter finden und ausschalten, sobald wie möglich. Das war die einzige Lösung, das einzige Ziel. Nadine Hawkins, Lieutenant Griffin und Commander Corlsen diskutierten lange, ob wir all den Schaden, den der Gebieter angerichtet hatte, wieder rückgängig machen könnten und ich würde lügen wenn ich - zu diesem Zeitpunkt jedenfalls - nicht auch ernsthaft an den Antworten auf diese Frage interessiert war, aber all das war hinfällig, wenn wir den Gebieter nicht ausschalten konnten.
Die strukturelle Integrität des Schiffes jedenfalls hielt dem Sprungantrieb statt und wenig später erreichten wir das Zentrum und kehrten auf die Brücke zurück.
Captain Paris, Nadine Hawkins, niemand schien erfreut über den Ausgang dieser Konferenz, aber dafür war jetzt keine Zeit.
Was die Sensoren meldeten, was der Bildschirm uns anzeigte.. Lieutenant Griffin's Worte, dass nichts davon so "existieren dürfte" lassen sich in ihrer Aussagekraft nicht übertreffen.
Unter anderen Umständen wären schwarze Löcher ohne Anziehungskraft, hunderte von unbekannten Anomalien und diese seltsame Strahlung ein spannendes Forschungsprojekt gewesen, aber deshalb waren wir nicht hier.
Nein, der Grund für unseren Aufenthalt hier stand wenig später wahrhaftig auf unserer Brücke: der Gebieter persönlich. Der Photonenstoß des Hühnchens interessierte ihn nicht sonderlich - das Hühnchen konnte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen - stattdessen faselte er irgendwas davon wie wunderschön all das wäre, dass er nicht "wegen uns" hier sei und verschwand mit Nadine Hawkins von der Brücke.
Die strukturelle Integrität begann nun rapide zu sinken und Lieutenant Griffin meldete, dass wir maximal 90 Minuten hätten, ehe die ersten Hüllenbrüche auftreten würden.
Als wäre all das nicht schon ausweglos genug, meldeten die Sensoren 500 Starborn Schiffe im Anflug. Bisher meldeten die Sensoren zumindest noch keine Starborn an Bord, aber das würde sich in Kürze ändern.
Und nun trug ich Captain Paris vor, wovon ich schon lange überzeugt war: unsere einzige Chance war quasi die gesamte Crew auf die Station des Gebieters - die wir durch größere Explosionen nach dem Transport von ihm und Nadine Hawkins finden konnten - zu beamen und ihn zu stoppen ehe es zu spät war.
Der Captain willigte ein und so blieben nur Admiral Teflon und eine Handvoll weiterer Offiziere an Bord zurück, während der Rest sich auf den Weg Richtung Transporterräume machte.
Gerade rechtzeitig hatte auch Jaesa Hawkins ihren Dornröschenschlaf beendet und humpelte mit einem Gewehr bewaffnet auf die Brücke. Ich konnte nur vermuten, wie das Gespräch mit Doktor Vadiye abgelaufen sein musste, aber selbst in diesem Zustand war Jaesa unsere beste Hoffnung.
Noch wussten wir nicht, wofür wir hier genau kämpften, einige von uns - Jaesa selbst, aber auch ich - hatten noch geliebte Menschen, die sie schützen, ja sogar retten wollten. Andere wollten das Multiversum retten. Aber was uns alle einte, war ein Ziel: Rache.
Somit beamten insgesamt vier Teams auf die Station, Doktor Vadiye und das Hühnchen sicherten mit einigen Mediziner unser "Basecamp" für eventuelle Verletzte oder Angriffe aus dem Hinterhalt, Lucy, Lexa Griffin und der Großteil der Sicherheit bildeten Beta Team, Lieutenant Jhan führte Gamma Team an und Captain Paris, Commander Corlsen und Jaesa übernahmen mit mir die Führung von Alpha Team.
Diese "Station" war so merkwürdig wie der Rest dieses Gebietes. Nicht nur schien die Schwerkraft teilweise gar nicht oder gar in die andere Richtung zu funktionieren, wir konnten offene Korridore mitten im All betreten ohne EVA-Anzüge tragen zu müssen.
So sprangen, kletterten und rannten wir durch einen Hindernisparcour, während wir von allen Seiten zumindest indirekt beschossen wurden, was einmal zu einem kurzen Sturz und größerem Umweg von mir führte. Als wir schließlich auf der anderen Seite angekommen waren, meldete Beta Team, dass sie unter starkem Beschuss standen.
McKenzy und weitere Offiziere waren bereits tot, auch Lucy schien getroffen zu sein, als plötzlich die Verbindung abbrach.
Ich versuchte verzweifelt, Lucy zu erreichen, irgendein Lebenszeichen zu erhalten, aber da war niemand mehr. Jedenfalls niemand, der sprechen konnte. Während ich Emotionen wie Wut, Angst, auch Ärger in mir spürte, hatte Jaesa eine ganz andere Erfahrung, als plötzlich Nadine Hawkins vor ihr stand und beide sich in die Arme fielen.Unter anderen Bedingungen wäre das rührend, wundervoll, emotional gewesen, aber nicht nur hatten wir eine Mission samt Zeitdruck, sondern meine Gedanken waren ganz woanders.
Wie Jaesa nahm ich dann allerdings mein Gewehr wieder und versuchte mich so gut es ging auf unsere Mission zu konzentrieren, auch Commander Corlsen schien Probleme zu haben.
Lieutenant Hühnchen verließ das Camp und versuchte Beta Team zu erreichen, während der Rest von uns seinen Weg weiter ging.
Doktor Vadiye schaffte es kurz darauf gerade noch mitzuteilen, dass die Basis angegriffen wurde, ehe auch Delta Team verstummte, von Gamma Team hatten wir quasi seit Beginn nichts gehört.
Nun standen wir vor einer Entscheidung: wir könnten versuchen, die Reste von Beta Team - inklusive Lucy - zu erreichen, um ihnen zu helfen, ja, sie vielleicht zu retten. Nadine Hawkins allerdings machte uns eindrücklich klar, dass der Gebieter in seiner "finalen Vorbereitungsphase" war, um das Multiversum endgültig unter seine Kontrolle zu bringen, wir hatten also keine Zeit mehr.
Kurz darauf tauchte ein Starborn auf, der Commander Corlsen, Captain Paris und mich verletzte, woraufhin Nadine Hawkins eine weitere Starborn Fähigkeit unter Beweis stellte: sie konnte in begrenztem Rahmen Verletzungen heilen.
Nun also starrten mich alle an, als ob ich die Antworten hätte: Ja natürlich wollte ich nichts mehr tun, als zu Lucy zu stürmen, unterwegs alle Feinde aus dem Weg zu räumen und sie heroisch zu retten, aber es ging hier nicht um mich, nicht um uns. Wir alle wussten von Anfang an, dass das hier eine Selbstmordmission wird, dass die wenigsten zurückkommen würden und wenn eines dieser Opfer Lucy Tamas war... dann würde mir das Herz brechen, aber es war besser als die Alternative.
Also raffte ich mich hoch, als Jaesa mir auf die Schulter klopfte und meinte, sie würde Lucy retten, ja es mir versprach. Ich nickte ihr zu und schon war sie verschwunden, während der Rest von uns voranschritt. Für einen kurzen Moment hatte ich Hoffnung, dass es vielleicht doch noch ein positives Ende geben würde.
Wenig später meldete Admiral Telfon, dass die Guardian von hunderten Starborn geentert worden sei und mehrere Hüllenbrüche erlitten hätte ehe seine Nachricht nach “Für das Romulanische Imperium!” verstummte, nur wenige Sekunden später sahen und spürten wir eine große Explosion.
Die Guardian war nicht mehr, genauso wie Delta Team, Gamma Team, der Großteil von Alpha und Beta Team. Fünf, vielleicht zehn Personen waren alles, was noch zwischen dem Gebieter und seinem finalen Sieg standen.
Aber es war zu spät umzukehren - wohin hätten wir ohne Guardian auch gehen sollen? - es blieb nur eine Richtung: voran, um jeden Preis.
Dann jedoch wäre ich fast gebrochen, als eine hörbar angeschlagene, schwache, offensichtlich weinende Lucy sich mit den Worten, dass sie abgeschnitten seien, es nicht schaffen werden und ich solle für sie stark sein meldete. Ich versuchte zu protestieren, zu kämpfen, ihr klarzumachen, dass Jaesa auf dem Weg sei, aber ich kannte Lucy: sie würde so etwas nur sagen, wenn es wirklich keinen Ausweg mehr gäbe.
Ich zog mich in eine Ecke zurück und ließ meinen Emotionen für einen Moment freien Lauf, ehe ich zu Nadine Hawkins, Captain Paris und Commander Corlsen zurückkehrte - gerade rechtzeitig um zehn Starborn direkt vor uns auftauchen zu sehen. Ehe wir feuern konnten, sprang Nadine Hawkins in diese Mitte dieser Gruppe und alle löschte sie alle aus.
Sie schien danach erschöpft, aber was für eine Darstellung.
Erst jetzt stellten wir fest, dass Commander Corlsen von einem dieser Starborn getroffen worden war - tödlich. Oder in Nadine Hawkins' Worten: seine Musik war endgültig verstummt. Ein Scan zeigte, dass nur noch drei nicht-Starborn Lebenszeichen an Bord der Station waren: Captain Paris, Jaesa und ich. Damit hatte ich auch Gewissheit, dass Lieutenant Griffin und Lucy, meine Lucy, tot waren.
Ich nahm mir zwei Sekunden um durchzuatmen, auch Captain Paris sprach mir sein Beileid aus, aber dafür war keine Zeit. Ich raffte mich hoch und wir gingen weiter, Captain Paris listete noch unsere Verluste auf und entschuldigte sich schonmal im Voraus, falls auch er es nicht schaffen sollte - er hatte diesen Satz kaum beendet, da tauchte ein Starborn hinter ihm auf und rammte ihm ein Messer in den Rücken.
Ich konnte den Starborn töten, aber es war bereits zu spät. In wenigen Minuten wäre auch Captain Paris tot, auf jeden Fall war er keine Hilfe mehr für diese Mission. Also blieben nur die beiden Hawkins und ich, wir hatten zwei Ziele: wir mussten den Gebieter aufhalten und den Obelisken, der seine Energie kanalisiert, abschalten. Dieser Obelisk war allerdings auch unsere einzige Chance, all das hier ungeschehen machen zu können - eine Vernichtung also keine Option.
Zu diesem Zeitpunkt mehr denn je war diese Aufgabe fast genauso wichtig wie den Gebieter stoppen. Wir könnten das Multiversum retten und gleichzeitig all die Verlorenen wieder zurückholen, ein besseres Szenario konnte es nicht geben - so dachte ich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls. Wenn ich gewusst hätte...egal, das war nicht die Zeit für Selbstmitleid.
Nadine und ich gingen zu einem Computerkern um mehr über diesen Obelisken in Erfahrung zu bringen, während Jaesa - natürlich - alleine die Jagd auf den Gebieter begann.
Zuvor allerdings umarmte sie mich aus dem Nichts und dann war es Zeit Abschied zu nehmen. Jaesa und ich, aber vor allem Nadine und Jaesa Hawkins. So tragisch all das hier war, dass diese beiden nach all den Jahren wieder aufeinander getroffen sind, nur um sich direkt wieder zu verlieren... es gab an diesem Tage kein Happy End, egal was weiter passieren würde.
Nadine Hawkins nahm dann - mit leuchtenden Händen - Zugriff auf die Datenbanken des Gebieters und verkündete mit einem Lächeln, dass es einen Weg gäbe, all die Verluste rückgängig zu machen - wenn auch mit unbekanntem Ausgang. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich alles musste besser sein als diese Realität, aber jetzt...jedenfalls hatten die Starborn etwas gegen unseren Zugriff auf die Konsolen, es folgten weitere Kämpfe, aber wir waren am Ende siegreich und folgten der Blutspur von Jaesa zu einem Fahrstuhl, der direkt in die Kammer des Gebieters führte.
All die Schlachten, all die Verluste, all die Entwicklungen der letzten Jahre hatten uns zu diesem Showdown geführt. Nadine Hawkins und ich betraten die "Arena" und sahen bereits den Gebieter über dem leblosen Körper von Jaesa Hawkins.
Meine Wut stieg weiter an, vor allem als dieser Tölpel einen ewig langen Monolog startete, wie er gewonnen hätte, ihn niemand aufhalten könnte und dass wir gleich genauso tot am Boden liegen würden wie unser Crewmitglied - aber natürlich war dieses Crewmitglied nicht tot und der Gebieter hatte Jaesa wieder einmal unterschätzt, sie raffte sich hoch und eröffnete das Feuer, was Nadine und ich ihr gleich taten.
Es folgte ein langer, intensiver Kampf, in welchem wir alle schwer verletzt wurden, ehe Nadine Zugriff auf den Obelisken nehmen konnte und Jaesa und ich es irgendwie schafften den Gebieter davon abzuhalten sie zu stoppen. Als er sie schließlich außer Gefecht setzte war es bereits zu spät.
Mitten in der Arena bildete sich eine Anomalie, nun gab es nur noch ein Ziel: wir mussten den Gebieter in dieser versenken. Das war leichter gesagt als getan, wir kämpften, versuchten alles, aber niemand hatte eine Idee ehe Jaesa auf ihn zustürmte, ihn packte und beide gemeinsam in den Abgrund fielen.
Die wieder zu sich gekommene Nadine und ich sahen uns verwundert, stolz aber auch traurig an, ehe alles schwarz wurde.
Gefühlt wenige Sekunden später wachte ich dann von einem Rumpeln und dem roten Alarmton eines mir unbekannten Schiffes in einem dunklen Quartier auf. Alleine. Keine Lucy, keine Anzeichen, dass ich an Bord der San Diego,Guardian, Khitomer oder irgendeinem anderen mir bekannten Schiff wäre.
Dafür stieß ich mir den Kopf an einer Wand und trat vorsichtig über mir unbekannte Korridore den Weg zur Krankenstation an, wo ich zumindest zwei mir bekannte Gesichter sah: Doktor Vadiye und Lieutenant Lexa Griffin - letztere allerdings in einer grünen Uniform.
Und nach und nach dämmerte mir, was Nadine Hawkins mit ihren Worten meinte, dass wir selbst bei einem Erfolg, selbst bei einem Zurücksetzen der Zeitlinie Dinge verändern würden.
Aber es war schlimmer als das: weder Lexa Griffin noch Doktor Vadiye erkannten mich. Eine offensichtlich verletzte - erst jetzt erfuhr ich, dass sich das Schiff offenbar im Kampf mit zwei Raidern befand und schwere Schäden erlitten hatte - Etherianerin wurde von Doktor Vadiye behandelt. Wobei “behandelt” hier in beide Richtungen ging, denn auch Doktor Vadiye trug einige Schäden von dieser Behandlung davon.
Doktor Vadiye schloss sich dann Lieutenant Griffin bei meiner Behandlung an, aber keine der zwei zeigte irgendwelche Anzeichen, mich zu erkennen.
Wenigstens waren meine Verletzungen minimal, meine Platzwunde am Kopf ließ sich schnell behandeln und die leichte Gehirnerschütterung durch den harten Aufprall war auch keine Gefahr.
Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: ich könnte es bei diesen Behandlungen bewenden lassen, die Krankenstation in all dem Chaos verlassen, diskret Informationen sammeln, Verbündete finden, falls nötig die Kontrolle übernehmen oder dieses Schiff verlassen - den terranischen Weg nutzen bzw. den Weg, den die Geheimdienstagentin in mir nutzen wollte.
Aber das hier war keine Geheimdienstoperation, keine Mission, kein einfacher Auftrag. Das hier waren meine Freunde, für die ich vor wenigen Minuten bereit war mich zu opfern, zur Hölle die ich selber hatte reihenweise sterben sehen.
Nein, ich musste ehrlich sein, egal wie die Konsequenzen sein mögen. Auch wenn sie sich nicht an mich erinnern mögen, diese Personen waren Sternenflottenoffiziere und ich hatte diese Crew schon einmal vom Unmöglichen überzeugen können, in dem ich ehrlich war.
Also fragte ich nach wo ich sei, was passiert wäre und wieso mich niemand erkannte. Die Etherianerin - Fey-Mina war offensichtlich ihr Name - ließ nun von Doktor Vadiye ab und wandte sich mir neugierig zu.
Alle waren sich einig, dass meine Verletzungen keine Erinnerungslücken erklären würden, also musste es eine andere Erklärung geben.
Die Etherianerin wollte ihre telepathischen Kräfte nutzen um in meine Erinnerungen zu sehen - zunächst war ich skeptisch, waren wir doch offiziell mit den Etherianern noch im Krieg, aber schließlich willigte ich trotz Datenschutzbedenken ein.
Und so teilte ich meine Erinnerungen, vom Angriff auf die Basis des Gebieters, den Toden der gesamten Guardian Crew, quasi unseres gesamten Universums.
Mit dem Kommentar “Was zum Lachsbrötchen?!” hatte ich nicht gerechnet, aber Fey-Mina schien ernsthaft überfordert mit diesen Erinnerungen.
Sie ging viele Optionen - Holoroman,Täuschungen, Halluzinationen - durch, aber ich versuchte an die Wissenschaftlerin, die Offizierin in ihr zu appellieren. Wenn diese Crew auch nur im Ansatz ähnliche Erfahrungen wie die San Diego gemacht hatte dann war dieses Szenario nicht so weit hergeholt.
Für eine Weile schien es auch so als würde ich sie erreichen, sie sprach von der “dunklen Gestalt mit dem Helm” und war eher enttäuscht, schockiert, dass ich Erinnerungen hatte, die sie nicht hatte, ja dass sie nicht dabei sein konnte.
Aber dann schloss sie all das mit den Worten vielleicht sei ich auch einfach verrückt ab, dass sie gesehen hatte, was ich glaubte, gesehen zu haben und verschwand vom Biobett als die Türen sich öffneten und niemand geringeres als Captain Tom Paris die Krankenstation betrat, gefolgt von Commander Corlsen.
Und dann geschah - das erste Mal seit dem Aufwachen in diesem Alptraum - etwas Positives, Captain Paris hatte seine Erinnerungen! Wir tauschten uns kurz über das Ende der Mission aus, aber dann sah ich Lucy und ich.. Ich konnte mich nicht halten, stürmte auf sie zu und umarmte sie. Und für einen Moment war alles wieder in Ordnung. Vor weniger als einer Stunde dachte ich, ich hätte sie für immer verloren, war nur noch von Rache getrieben, den Gebieter zu töten, aber jetzt stand sie wieder vor mir, in meinen Armen.
Doch das hielt nicht lange, denn Lucy wies mich zurück und fragte mich, wer ich sei. Wie auch Commander Corlsen hatte sie keinerlei Erinnerungen an die Mission, das Multiversum zu retten, noch dazu trug sie eine gelbe Uniform und war offensichtlich die Sicherheitschefin an Bord.
Es folgte dann eine lange Diskussion über das weitere Vorgehen - von Brig über psychiatrische Einrichtungen bis hin zu weiteren Untersuchungen war alles dabei - ehe Doktor Vadiye ihren vidiianischen Tricorder aus einer Kiste holte und etwas finden konnte, das Captain Paris und mich retten könnte: minimale Quantenvarianzen in unseren Biosignaturen.
Weder “Doktor” Griffin noch Lucy hatten bei ihren Scans zuvor etwas entdecken können, aber das bewies zumindest, dass wir nicht aus dieser Zeit, vielleicht sogar nicht einmal aus diesem Universum stammten.
Ob unser Universum wie wir es kannten noch existierte - und falls ja, ob es Wege gab dorthin zurückzukehren - war für den Moment unwichtig, aber es war ein Lichtblick.
Noch dazu waren wir umgeben von all den Personen, die uns wichtig waren, alles andere würden wir mit der Zeit regeln können.
So dachte ich jedenfalls, bis ein Klingone die Krankenstation betrat, mit Lucy ein paar Blicke und Worte wechselte, ehe diese verkündete, dass sie jetzt auf ein Date gehe.
Und dann…dann brach meine Welt zusammen. Ich versuchte - erfolglos, da bin ich sicher - mir nichts anmerken zu lassen, aber innerlich zerstörte mich das mehr als Lucy’s “Tod” auf der Basis des Gebieters.
Als Offiziere der Sternenflotte, zumal auf dieser Selbstmordmission, mussten wir immer mit dem Tod rechnen. Das heißt nicht, dass diese Tatsache nicht dennoch unglaublich schmerzhaft war, aber es war nicht überraschend, in all den Jahren im Geheimdienst wurde ich auf solche Verluste vorbereitet.
Aber das? Nein, darauf hätte mich nichts und niemand vorbereiten können. Sie stand direkt vor mir, am Leben und entschied sich für jemand Anderes.
Sie verließ dann auch schnell die Krankenstation, allerdings nicht ohne mir einen Blick zuzuwerfen. Wäre ich naiv - oder romantisch - hätte ich daraus Hoffnung geschöpft, dass sie mich doch erkannt oder Gefühle wiederentdeckt hat, aber ich wusste, dass es mehr als das war. Nein, das war ein Test. Ich weiß nicht, ob diese Lucy jemals im Geheimdienst war oder nicht, aber sie war mindestens genauso schlimm wie “meine” Lucy und wollte meine Reaktion testen.
Nicht aus Eifersucht oder Liebe, sondern um zu sehen, ob ich reagieren würde, wie ich reagieren würde. Es gab keinen anderen Grund, diese Information lauthals durch die Krankenstation zu rufen. Und mit meiner Umarmung hatte ich ihr die Vorlage gegeben zu testen, ob ich die Wahrheit sagen - oder zumindest unglaublich gut schauspielern kann.
Natürlich musste meine neue etherianische Freundin mich hier weiter provozieren, fragte mich wieso mich der “Paarungsversuch” von Lucy mit einem Lieutenant McKenzy - wenigstens hatte ich schonmal einen Namen für den Fall der Fälle - so stören würde und ob sie wohl den Hochzeitskuchen abbestellen sollte. Aus Versehen trat ich ihr zweimal gegen den verletzten Flügel, ehe sie von Commander Corlsen fortgerufen wurde.
Captain Paris meinte noch, dass ich ein Talent dazu hätte schnell neue Freunde zu finden und tatsächlich hatte diese Fledermaus das Potential meine neue beste Freundin zu werden - was sie allerdings nicht wusste war, dass ich nicht nur die Tochter eines terranischen Imperators war, sondern auch jahrelanges Training und Erfahrung im Geheimdienst sammeln konnte - darunter wie sehr sich solche Provokationen eignen mehr über andere zu erfahren.
Wenigstens hatte Lucy durch ihr Verschwinden ihre Hand vom Phaser genommen, mit welchem sie uns am liebsten schon gestern in die Arrestzelle gesperrt hätte - und das nicht auf die angenehme Weise.
Doktor Griffin beschloss aufgrund der neuen Daten, dass wir vorerst auf der Krankenstation bleiben sollten, Doktor Vadiye sollte “jede mögliche Untersuchung” durchführen.
Als ich schon dachte, dass dieser Tag nicht mehr verrückter werden kann, betrat ein Hühnchen die Krankenstation - und dieses Hühnchen war der Captain des Schiffes!
Nach kurzer Beratung willigte der Captain mit Doktor Griffin’s Vorschlag ein, sodass Doktor Vadiye ihre Untersuchungen begann.
Hier erfuhr ich gleich den nächsten Schicksalsschlag, denn offenbar hatte in diesem Universum noch niemand den Begriff “Terraner” gehört, sodass der Klingone direkt zu lachen anfing als ich meine Rasse nannte. Taktisch könnte das ein Vorteil sein, wenn ich als “verrückter Mensch” statt als Terranerin gesehen werde, aber meine Hoffnung war immer noch, dass wir hier eine andere Lösung finden.
Der Großteil der anderen - Doktor Griffin, Fey-Mina, der Captain - verließ dann die Krankenstation, sodass es wenigstens etwas ruhiger wurde.
Doktor Vadiye beschloss dann nach ersten Untersuchungen auch, dass es Zeit wurde uns “zu erholen”, sodass sie das Licht dämmte und ehe ich protestierte konnte Captain Paris und mir ein Schlafmittel verabreichte.
Das war vor… ein paar Stunden schätze ich, da Captain Paris noch tief und fest schläft und weit und breit kann Anzeichen von Doktor Vadiye oder anderen Medizinern ist schätze ich, dass das Schlafmittel für Menschen konzipiert war, sodass mein terranischer Körper dieses schneller verarbeitet hat als gedacht.
Amicia Georgiou atmet tief an, legt das PADD für einen Moment zur Seite und studiert den Raum, die Displays, achtet auf jedes Detail wie sie es in unzähligen Sternenflotten und später Geheimdiensttrainings gelernt hat.
Angeblich soll fokussieren helfen, unliebsame Gedanken zu vergessen, seine Aufmerksamkeit wirklich zu konzentrieren. Und das funktioniert, für eine gewisse Zeit. Aber bei allem was ich heute erfahren, erlebt habe… nicht nur ist quasi meine gesamte Crew vor meinen Augen gestorben und wir haben die größte Bedrohung für das Multiversum besiegt, nein die “Kosten” für diesen Sieg waren schlimmer, vor allem höher als erwartet.
Ich war in meinem unbekannten Universum gestrandet, in welchem niemand jemals von Terranern gehört hatte, in welchem es keinen Tom Paris und keine Amicia Georgiou gab.
Wir waren auf einer Deep Space Missionen Monate von der Erde entfernt in einem unbekannten Sektor und unbekannt war auch diese Crew. Das galt nicht nur für eine etherianische Wissenschaftsoffizierin, einen klingonischen Taktikoffizier oder einen Ferengi ersten Offizier, sondern vor allem für diejenigen, deren Gesichter ich zwar kannte, die aber nicht die Personen waren die ich kannte, ja mich kannten: Lexa Griffin, Aiden Corlsen, Taya Vadiye, Hühnchen, Lucy Tamas…es war als wäre ich auf einem Geisterschiff gestrandet, dessen Crew die Seelen meiner Freunde übernommen haben.
Und dann war da Jaesa. Niemand wusste was mit ihr passiert war, auf der Crewliste der Solaris fehlt von ihr jede Spur. Auch eine Suche in der - zugegeben gesicherten - Datenbank fand keine Treffer, also wo war sie? Ebenfalls mit ihren intakten Erinnerungen gestrandet in “falschem” Universum? Würden wir sie jemals wiederfinden können? Hatte sie einen noch höheren Preis als Captain Paris und ich bezahlt, die möglicherweise als Gefangene oder Verrückte enden würden?
Ja, die Perspektiven waren… nicht gut. Ich würde gerne motivierende Worte wie “Wir haben schon Schlimmeres geschafft” oder “Wenn der Gebieter uns nicht aufhalten kann, kann das auch keine verrückte Etherianerin” zum Abschluss dieses Eintrags nutzen, aber die Wahrheit ist… ich fühle mich nicht motivierend, nicht positiv. Ja, ich war am Leben, wir hatten das Multiversum gerettet und all unsere Freude, unsere Crew- mit einigen Fragezeichen wie Jaesa Hawkins - waren wieder am Leben, es gab Hoffnung. Und doch… das einzig schlimmere Schicksal als jemanden für immer zu verlieren war wohl diese Personen jeden Tag vor sich zu sehen und doch mit Fremden konfrontiert zu sein.
Das galt für Lexa Griffin, Doktor Vadiye, Aiden Corlsen und all die anderen, aber natürlich galt es vor allem für Lucy. Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich trotzdem die selbe Entscheidung getroffen? Natürlich, dafür stand zuviel auf dem Spiel. Aber wenn ich ganz ehrlich bin hätte ich vielleicht mit fünf Prozent weniger Energie, fünf Prozent weniger Ehrgeiz gekämpft - und das hätte in diesem Gefecht einen wahnsinnigen Unterschied machen können.
Aber das spielte keine Rolle, wir hatten gehandelt wie wir gehandelt hatten und jetzt mussten wir damit leben, das würde ich tun. Und ich war noch nicht bereit aufzugeben, nicht mein Universum, nicht diese Crew und erst Recht nicht Lucy. Wir hatten schon einmal in aussichtslos scheinenden Umständen zueinander gefunden, wieso also kein zweites Mal? Und wenn ich dafür Lieutenant McKenzy aus dem Weg räumen müsste.
Computer, den letzten Satz streichen.
Die noch wichtigere Frage war: wie stand es um den Gebieter in diesem Universum? Ich glaubte nicht für eine Sekunde, dass wir ihn das letzte Mal gesehen hatten und je früher wir uns darauf vorbereiten, desto besser. Sonst wird sich all das ein paar Wochen, Monaten oder Jahren wiederholen.
Was ich jetzt nicht für einen Zugriff auf die Geheimdienst Datenbanken geben würde - und ja, das hatte ich bereits erfolglos versucht.
Die Tür der Krankenstation öffnet und Doktor Vadiye betritt mit einem PADD in einer und einem Heißgetränk in der anderen Hand die Krankenstation, wo sie direkt in’s Büro durchgeht. Amicia sieht ihr hinterher, ehe sie sicher ist, dass Vadiye sie nicht gesehen hat.
Okay, Agent Georgiou, es wird Zeit das alte Training wieder aufzufrischen: Lektion 104, Assets rekrutieren. Das Ziel: Taya Vadiye.
Sie grinst für einen kurzen Augenblick, legt das PADD zur Seite und zieht sich an der Wand der Krankenstation hoch.
Computer, Aufzeichnung beenden.
=C= Log Ende.